Europas Satellitennavigationssystem Galileo nimmt in Berchtesgaden Fahrt auf
6. Dezember 2010 - Erfolgreiche Großübung der Freiwilligen Feuerwehr Berchtesgaden, des Bayerischen Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerkes zeigt im erweiterten Galileo Test- und Entwicklungsgebiet (GATE) weltweit erstmalig die Möglichkeiten die Galileo den Rettungskräften im Einsatz bieten kann.
Schwere Verkehrsunfälle keine Seltenheit - Das Einsatzszenario
Ein gut besetzter Reisebus stürzt aufgrund einer Kollision mit einem PKW eine Böschung hinab, überschlägt sich und bleibt stark beschädigt auf einem Parkplatz liegen. Die zahlreichen Urlaubsreisenden werden dabei teilweise aus dem Fahrzeug geschleudert, manche befinden sich eingeklemmt im Bus. Die übrigen, unterschiedlich stark verletzten Reisenden sind über den Parkplatz verteilt und versuchen Hilfe für die Verletzten zu finden. Die - aufgrund eines aufmerksamen Mitbürgers alarmierte Integrierte Leitstelle in Traunstein - weitergeleitete Einsatzmeldung an die Feuerwehr lautet: Busunfall in Berchtesgaden, Parkplatz am Salzbergwerk, Massenanfall an Verletzten und Erkrankten. Temperaturen weit unter 0 Grad und anhaltender Schneefall machten es den Rettern nicht einfacher...
Ein Szenario wie dieses, aus der Realität gegriffen, gefährdet das Leben zahlreicher unschuldiger Menschen - zu denken sei nur an den schweren Reisebusunfall in Sölden, Tirol, der Ende vergangenen Monats einem 15-jährigen Jungen das Leben kostete sowie viele weitere Schwerverletzte verursachte. Der Bus ist von einer nassen und abschüssigen Straße abgekommen und über eine Böschung auf eine Piste gerutscht.
Funktionstauglichkeit, Praxistauglichkeit und Bedienbarkeit oberste Priorität beim Einsatz von Galileo in Kombination mit Lagebildern
Die aufwendigen Rettungsarbeiten könnten in Zukunft durch den Einsatz satellitennavigationsgestützter mobiler Endgeräte noch effizienter durchgeführt werden. Bis jetzt können bestehende Lösungen im Bereich der Entscheidungsfindung für Einsatzorganisationen nur bedingt ein ganzheitliches, EDV-gestütztes Lagebild liefern.
Im Zuge des internationalen ERA-STAR Projektes G2Real wird in Zusammenarbeit mit spanischen und österreichischen Partnern auf bayerischer Seite die Unterstützung der Einsatzkräfte durch die Verbesserung des aktuellen Lagebildes mit Hilfe der Integration von ‚live' Information, Satellitennavigation und Fernerkundung evaluiert. Die Gesamtkoordination des Vorhabens liegt bei dem Salzburger Research Studio iSPACE.
Im Rahmen der Einsatzübung im GATE Berchtesgaden galt aufzuzeigen, dass mit der konsequenten Anwendung internationaler Standards und Normen die Interoperabilität zwischen den einzelnen, durchwegs proprietären technischen Leitsystemen verbessert werden kann. Darüber hinaus kann ein aktuelles, ganzheitliches Lagebild in der Einsatzleitzentrale vor Ort und übergeordneten Leitstellen der verschiedenen beteiligten Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (z. B. Feuerwehr, Rettung, technisches Hilfswerk etc.) zur Verfügung gestellt werden.
Im Anbetracht der Schwere und hohen Anzahl vergleichbarer Unfälle sowie bisher unvollständiger Informationen sowohl für Einsatzkräfte als auch für Leitstellen wurde einleitend beschriebenes Szenario Gegenstand der groß angelegten Einsatzübung in Berchtesgaden. Die mehr als 120 Einsatzkräfte der verschiedenen Hilfsorganisationen und das Projektteam, bestehend aus zahlreichen deutschen und österreichischen Wissenschaftlern und Unternehmern stellten sich dieser Herausforderung.
Galileo im realen Einsatz bringt große Vorteile
Die Einsatzleitung bzw. Leitstelle konnte schon während des Beginns des Einsatzes sehen, wo sich welches Fahrzeug befindet und es punktgenau ans Ziel führen. Zusätzlich hatten die Einsatzleiter handelsübliche mobile Endgeräte, mit denen sie Lagekarten einsehen konnten: Auf denen konnten sowohl die Einsatzfahrzeuge als auch die Gruppen- und Truppführer punktgenau geortet und bestimmt werden.
Dazu wurden sowohl Einsatzfahrzeuge mit kleinen Boxen, als auch die Rettungskräfte mit einer Software-App auf modernen Mobiltelefonen ausgestattet. Damit konnten die Einsatzkräfte zum Beispiel ein Unfallopfer markieren und so einen Rettungsteam an den Einsatzort lotsen. Auch kann damit die Kommunikation zwischen den Kräften und zur Leitstelle abgewickelt werden. Alle diese Informationen liefen in der Einsatzleitung ein und konnten dort nach Priorität abgearbeitet werden. „Dies ersetzt viele Telefonate und Funksprüche und entlastet damit die Retter im Einsatz ", so der Geschäftsführer des Unternehmens proTime, Gerd Waizmann, in einer Kurzdarstellung des Projektes.
Im Mittelpunkt der erfolgreich durchgeführten Einsatzübung stand die Verwendung der Galileo basierten Lage- und Zustandsinformation in ‚Echtzeit' für die Rettungskräfte. Dazu wurde ein kleiner Navigations-Empfänger für die Galileo-Signale in einem Feuerwehrfahrzeug montiert. Dieser nutzte sowohl die europäischen Galileo-Signale und kombinierte diese mit den Signalen des US-amerikanischen GPS und russischen Glonass-Systemes um eine optimale Abdeckung, Genauigkeit und Verfügbarkeit zu erreichen.
Max Berthold vom Technischen Hilfswerk beschrieb den Nutzen des neuen Systems wie folgt: „Die Kommunikation der Rettungskräfte in beide Richtungen, von Einsatzleitung zu Einsatzkraft und umgekehrt, ganz ohne Sprechfunk, sowie die Übertragung des Lageplanes in Echtzeit auf eine Einsatzkarte".
Die Übertragung des Einsatzbildes an die Leitstelle ermöglicht damit die direkte Anweisung der Rettungskräfte sich zum Beispiel aus einer Gefahrenzone zu begeben. Desweiteren kann die Benennung der Verletztenschwere durch eine einfach zu bedienende Applikation der sich im Einsatz bewährten mobilen Endgeräte erfolgen. Ziel bei der Entwicklung für die mobilen Endgeräte war es, „diese so simpel und einfach bedienbar zu machen, damit jede Einsatzkraft das Wesentliche, die Verletzten und die Unfallschwere, nicht aus den Augen verliert und den Einsatz der Geräte als Unterstützung betrachtet", so Holger Schulz vom Fraunhofer-Institut in Prien.
Das Galileo Test- und Entwicklungsgebiet in Berchtesgaden - GATE
„Im Galileo Test- und Entwicklungsgebiet Berchtesgadener Land sind echte Galileo-Signale verfügbar, eine einmalige Chance für unser groß angelegtes Projekt, das weltweit erstmals Galileo im Einsatz bei Rettungskräften demonstrierte." so Gerd Waizmann, der zugleich Sprecher der Initiative Satellitennavigation Berchtesgadener Land ist.
Das Galileo-Signal kann weltweit derzeit nur im Talkessel von Berchtesgaden so aufwendig getestet werden. Dort wurden im Auftrag der Deutschen Raumfahrtagentur des DLR auf den Berggipfeln rund um Berchtesgaden sechs Sendestationen zur Ausstrahlung der Galileo-Signale aufgestellt, die kürzlich um zwei weitere Sendestationen erweitert wurden. Bislang wurden in GATE insgesamt 13 Testkampagnen von Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen durchgeführt.
Durch die Möglichkeit, im GATE jetzt schon Galileo-Tests unter realen Bedingungen durchführen zu können, gewinnt dieses in Anbetracht der Verzögerung des Galileo-Starts eher noch an Bedeutung, da eine längere Phase ohne (volle) Galileo-Verfügbarkeit zu überbrücken ist. So wird beispielsweise für Entwicklungs-unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen, die Experimente und Tests mit "originalen" Galileo-Signalen im freien Feld durchführen wollen, GATE die nächsten Jahre die einzige Option bleiben. Bisher mithilfe von GATE getestete Entwicklungen und Anwendungen aus unterschiedlichen Bereichen umfassen die Branchen Automotive, Search-and-Rescue (z. B. Helikopter-Navigation und Verschütteten-Ortung), professionelle Galileo-Empfänger und Antennen, Signal-Interferenz, Indoor-Navigation und Real-Time-Kinematic (RTK) Algorithmik.
Aufgebaut wurde das Entwicklungs- und Testgebiet seit 2002 unter der Führung der IFEN GmbH und 11 weiteren Unterauftragnehmern. Betreiber des GATE-Testgebietes ist ebenfalls die IFEN GmbH. Die Gesamtinvestition beläuft sich auf ungefähr 15 Millionen Euro. Die diesjährige GATE-Erweiterung umfasst 1,25 Millionen Euro, inkludiert die zwei zusätzlichen Sendestationen, deren Aufbau auf den Bergen sowie alle notwendigen HW- und SW-Entwicklungen und Modifikationen zur Integration der zusätzlichen Stationen auf Systemseite.
Fazit
Das Ergebnis des Testeinsatzes bei der Übung im GATE-Testgebiet zeigt, dass es ein Potential gibt, die Koordination der Einsatzkräfte zu verbessern und zudem die Möglichkeit besteht auch die Reaktionszeiten zu beschleunigen. Zum einen durch die Erhebung von situationsspezifischen Daten, zum anderen durch die verbesserte interne Kommunikation.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Erhöhung der Sicherheit der Einsatzkräfte vor Ort. Die konsequente Anwendung standardisierter Datenaustauschschnittstellen und service- orientierten Prozessierungsmethoden zeigte im Rahmen des Projektes G2Real Lösungsansätze auf: die ermöglichen es lebenswichtige Informationen in aktuelle, überall verfügbare Lagebilddarstellungen unterschiedlicher Einsatzleitsysteme zusammenzuführen und für eine gezielte Entscheidungsfindung automatisch aufzubereiten. Die Zukunft der Anwendungen liegt in der Weiterentwicklung der operationellen, satellitennavigationsbasierten Dienste für die Endnutzer. Dabei werden Ergebnisse und Bewertung der Rettungskräfte bezüglich der Praxistauglichkeit verwendeter Endgeräte einfließen.
Rettungskräfte im Einsatz bei der G2Real-Übung in Berchtesgaden (Foto: WFG BGL)
Handelsübliches mobiles Endgerät im Feldtest (Foto: WFG BGL)















